Der Optimist und der König von Saudi Arabien
Früher war Rüdiger Nehberg ein Abenteurer um der Abenteuer willen. Seit mehr als 25 Jahren aber unternimmt er seine spektakulärsten Aktionen, um die Aufmerksamkeit auf andere zu lenken.
TT: Was ist bedrohlicher: eine Expedition durch den Amazonas-Regenwald oder eine Fahrt über eine deutsche Autobahn?
Rüdiger Nehberg: Letzteres! Natur ist berechenbar, der Mensch aber nicht.
TT: Ist die Natur tatsächlich berechenbar?
Nehberg: Ein Restrisiko bleibt immer. Aber wenn ich in den Urwald gehe, weiß ich: Da gibt’s Malaria, da ist es schwül, ich darf mir nicht den Fuß verknacksen oder in einen Fluss fallen, weil da Piranhas warten. Aber wie ein Mensch reagiert, weiß man nie. Da habe ich die tollsten Dinge erlebt. Mit der Zeit habe ich mir zurechtgelegt: Im Grunde ist nur kalkulierbar, mit dem Schlimmsten zu rechnen und sich dann angenehm überraschen zu lassen.
TT: Sie sind Pessimist? Das überrascht jetzt mich!
Nehberg: Eigentlich bin ich ein totaler Optimist, sonst hätte ich schon lange aufgegeben. Ich nenne es lieber Pragmatismus.
TT: Ihre Lebensgeschichte zerfällt deutlich in zwei Teile: Bis in die frühen Achtzigerjahre haben Sie Ihre Touren um deren selbst willen unternommen. Dann kam plötzlich ein Sinn dazu, der weit über die eigentlichen Unternehmungen hinausweist. Was ist da passiert in Ihrem Leben?
Nehberg: Früher hat mich die reine Neugier auf die Welt getrieben, die Freude am Risiko und am Abenteuer. Die Wende kam, als ich Augenzeuge eines Bürgerkrieges im Regenwald von Brasilien wurde, bei dem eine Armee von Goldsuchern das letzte frei lebende Indianervolk, die Yanomami, auszurotten drohte. 65.000 Bewaffnete gegen 20.000 Indianer! Ich hatte vorher naiverweise gedacht, derartige Kriege gegen Ureinwohner seien längst vorbei.
TT: Warum hat Sie das Thema gepackt?
Nehberg: Als alter Karl-May-Leser dachte ich, das sei eine Gelegenheit, „edle Wilde“ kennen zu lernen. Das hat natürlich nicht gestimmt, die Yanomami haben einander die Köpfe eingeschlagen wie alle anderen auch. Aber das war ja nicht mein Problem. Mich hat verrückt gemacht, dass sie keine Chance gegen die Goldsucher hatten, und ich dachte, wenn ich darüber ein Buch schreibe, löst sich das Problem augenblicklich. Das war ein Trugschluss.
TT: Seither stellen Sie Ihren Abenteuertrieb in den Dienst der guten Sache?
Nehberg: Ich habe mit meinen Aktionen die Medien auf meine Seite geholt – und fand plötzlich ein Millionenpublikum. Aber erst im Jahr 2000, nach 18 Jahren, war die Lobby endlich groß genug, und die Yanomami bekamen ihren Frieden.
TT: Was treibt Sie heute an: Gerechtigkeitssinn?
Nehberg: Wahrscheinlich hab ich ein Helfersyndrom.
TT: Warum, denken Sie, interessieren sich Millionen Menschen für Ihr Leben?
Nehberg: Ich glaube, ganz viele träumen von Abenteuern. Und je entfremdeter von der Natur wir leben, desto stärker wird die Sehnsucht nach Konfrontation mit der Natur.
TT: Sie können sich auf Ihre Fahnen heften, den Begriff „Survival“ in den deutschen Sprachraum eingeführt zu haben. Mir scheint, spannend an dem Thema ist: Was braucht der Mensch letztlich wirklich, um zu überleben?
Nehberg: Ja, klar. Bei meiner Tour durch den Urwald 2002 habe ich mich darauf reduziert, mich nackt durchzuschlagen und quasi animalische Fähigkeiten zu entwickeln. Heute könnte ich das nicht mehr, meine Kräfte verfallen. Ich werde 75 und muss mich dem anpassen. Das Wichtigste ist die richtige Selbsteinschätzung.
TT: Kultivierte Wesen wollen aber nicht nur überleben, sondern gut leben. Wie hat man sich das bei Nehbergs zu Hause vorzustellen?
Nehberg: Sehr gemütlich! Eine alte Fachwerkmühle und ein fünf Hektar großes Naturparadies mit Wildschweinen, Ringelnattern, Bisamratten . . .
TT: Aus der Evolutionslehre kennen wir den Begriff des „survival of the fittest“. Wie geht der Egoismus, den man braucht, um sich durchzusetzen und auch nur seine basalen Bedürfnisse zu befriedigen, mit dem Altruismus zusammen, der nötig ist, um sich für die Menschenrechte anderer einzusetzen?
Nehberg: Da kommt mir wohl meine Erfahrung der Nazizeit zugute. Ich wäre nicht mehr am Leben, wenn damals nicht mir geholfen worden wäre. Im Krieg saßen wir jede Nacht im Keller, Bielefeld wurde zerbombt. Und später wusste ich immer zu würdigen, dass uns die Alliierten die Demokratie gebracht haben. Wir hätten uns nicht allein von den Nazis befreien können – so wie Millionen Frauen heute immer noch keine Chance haben, sich gegen Genitalverstümmelung zu wehren.
TT: Dieses Thema treibt Sie seit 2000 um?
Nehberg: Nach dem Erfolg bei den Yanomami hat mir jemand Waris Diries „Wüstenblume“ geschenkt. Darin las ich, dass man das Verbrechen bei ihr wie bei so vielen anderen unrichtig mit dem Koran begründet hatte. Und ich dachte: Wie kann sich eine Weltreligion, die ohnedies schon als Terroristen-Brutstätte gilt, auch das noch in die Schuhe schieben lassen?
TT: Sie wollen mit Hilfe der Religion eine religiös begründete Tradition bekämpfen?
Nehberg: Alle hielten mich für verrückt und sagten mir, der Islam sei nicht dialogfähig. Aber ich lebe nach dem Motto: Es gibt überall solche und solche. Und um unsere Zeit nicht mit Angsthasen zu verschwenden, haben meine Frau und ich „Target“ gegründet. Es ist uns gelungen, 2006 in Kairo die zehn wichtigsten Islam-Führer zusammenzubringen. Sie erklärten die Beschneidung der weiblichen Genitalien zum Verbrechen wider den Islam.
TT: Das Problem ist aber: Im Katholizismus gilt zwar „Roma locuta, causa finita“, im Islam jedoch gibt es keine oberste Instanz.
Nehberg: Genau das hatte ich sehr unterschätzt. Deshalb sind wir gerade dabei, den Beschluss der Kairoer Konferenz, gedruckt in ein wertvoll gestaltetes Buch, in vier Millionen Moscheen als Predigtvorlage zu verteilen.
TT: Haben Sie auch noch größere Touren vor?
Nehberg: Das schaffe ich nicht mehr. Aber ich habe noch einen Traum: Ich will den saudischen König überzeugen, dass ich in Mekka ein riesiges Transparent aufhängen darf, auf dem steht, dass weibliche Genitalverstümmelung mit der Ethik des Islam unvereinbar ist. Die Chancen stehen 50:50.
TT: Sie sind tatsächlich ein extremer Optimist!
Nehberg: Ja, klar! Und wenn das gelaufen ist, will ich von Mauretanien mit einer großen Schar armer Teufel, die sich selbst die Pilgerfahrt nach Mekka nie leisten könnten, eine Karawane des Dankes durch fünf Länder durchführen. Reiche Menschen müssen für Arme Patenschaften übernehmen, die Regierungen müssen den Zug schützen. 10.000 Menschen, auf Kamelen, zu Fuß, die Schwachen in Autos. Das Ganze dauert ein halbes Jahr, und auf Satellitenbildern muss man die Staubwolke sehen können!
TT: Wie wollen Sie denn an den saudischen König herankommen?
Nehberg: Pro7 hat einen Film gemacht, der am 20. Dezember um 19 Uhr als „Galileo“-Special ausgestrahlt wird. Das wird meine Visitenkarte für den König. Dann kann er sehen, welche Chance die Moslems hätten, sich positiv darzustellen, statt zuzulassen, dass jeder Arsch einen heiligen Krieg anzetteln und Allah ungefragt zum Oberverbrecher machen kann. Das wäre doch ein guter Grund, das Transparent zu gestatten!
TT: Und ein guter Grund, es nicht zu gestatten: Warum sollte er sich von einem dahergelaufenen Ungläubigen dreinreden lassen?
Nehberg: Wenn das ein Problem ist, muss ich eben Moslem werden.
TT: Was brauchen Sie – abgesehen von Wasser, Nahrung und einem Schutz für Ihren Körper –, um zu überleben? Ohne was können Sie nicht sein?
Nehberg: Ohne menschliche Gemeinschaft würde ich nicht lange leben. Ich überlege oft, ob ich mich, wenn es zu Ende geht, an einen meiner Fluchtorte in der Welt zurückziehe. Einer liegt in Afrika, der andere irgendwo im Urwald.
TT: Was sagt Ihre Frau zu diesen Plänen?
Nehberg: Die weiß das nicht so genau, darüber rede ich nicht mit Annette. Aber ich wollte sowieso nie lange und langweilig, sondern kurz und knackig leben. Dass ich jetzt schon lange und knackig lebe, verdanke ich meinem Schutzengel.
TT: Schutzengel? Auf Ihrer Homepage heißt es: „Made in Germany, kein Sternzeichen, keine Religion“.
Nehberg: Das mit dem Schutzengel war nur eine Redensart, ich glaube tatsächlich nicht an das, was Religionsgemeinschaften predigen. Und an Sternzeichen schon gar nicht. Ich verlasse mich auf mich, auf meine Kräfte und mein Wissen. Und wenn das nicht mehr reicht, wird meine Zeit eben um sein.
Zur Person: Geb. 1935 in Bielefeld, gelernter Bäcker und Konditor, lebt in Schleswig-Holstein; seit 1980 Menschenrechtsaktivist – zunächst für die Yanomami, seit 2000 gegen die Beschneidung der weibl. Genitalien. Zahlreiche spektakuläre Abenteuertouren, u. a. die Erstbefahrung des Blauen Nil, Atlantiküberquerungen per Tretboot und per Einbaum, 1000-Kilometer-Marsch ohne Nahrung durch Deutschland, Dschungeldurchquerung nackt. Zahlreiche weltweit übersetzte Bücher; Träger des dt. Bundesverdienstkreuzes. Alle Informationen über Nehbergs Touren und seine Menschenrechtsorganisation Target im Internet unter http://www.ruediger-nehberg.de/





