Feb
08.
2010

Umgeben von positiver Energie – meistens jedenfalls

Vera Russwurm ist die Talkshow-Königin des ORF. (Fotos: Thomas Böhm)

Vera Russwurm ist die Talkshow-Königin des ORF. (Fotos: Thomas Böhm)

Weder eine erfolgreiche Karriere noch ein harmonisches Familienleben passieren von selbst – Vera Russwurm über 32 Jahre Fernseherfahrung und 25 Jahre Ehe.

Sie kommen gerade vom Eisklettern im Pitztal. Tun Sie das nur für „Vera exklusiv“ oder macht Ihnen so etwas auch privat Spaß?
Vera Russwurm: Es taugt mir enorm, etwas Neues auszuprobieren. Wenn es nur um die Sendung ginge, könnte ich mit meinen Gesprächspartnern – in diesem Fall dem Eiskletterer Albert Leichtfried – auch auf einer Bank sitzen und reden.
Sie haben kürzlich öffentlich kundgetan, dass Sie
mit „Vera exklusiv“ in den Hauptabend wollen.

Russwurm: Und das mit sehr guten Argumenten! Unsere Quote entwickelt sich gegen den Trend, wir haben zwischen 2008 und 2009 acht Prozent zugelegt. Zuletzt hatten wir wieder 414.000 Zuschauer und einen Marktanteil von 28 Prozent.
Was objektiv beachtlich ist. Immerhin reden wir von einem schwierigen Sendeplatz am späten Sonntagnachmittag.
Russwurm: Eben. Deshalb verstehe ich die ORF-Führung nicht ganz und werde das Gespräch suchen.
Fühlen Sie sich vom ORF gut genug behandelt?
Russwurm: Meiner Meinung nach wird „Vera exklusiv“ nicht so behandelt, wie es sich die Sendung allein aufgrund der Qualität und der vielen hochkarätigen Gäste verdient hätte.
Aber „Vera exklusiv“ ist Vera – sagen Sie nicht, dass Sie das nicht persönlich nehmen!
Russwurm: Aufgrund der Tatsache, dass man dem Unternehmen viele Zuschauer bringt, die wiederum für die Werbeeinnahmen wichtig sind, würde man es sich anders erwarten. Aber immerhin: Alexander Wrabetz und Pius Strobl gratulieren gelegentlich – per SMS – zu Sendungen. Das stimmt mich
zuversichtlich. Und so viele Produkte, die über lange Zeit gut funktionieren, gibt es im ORF ja auch nicht.
Und auch nicht so viele Persönlichkeiten, die über so lange Zeit funktionieren wie Sie.
Russwurm: Seit 32 Jahren, ja. Mein Publikum ist mit mir älter geworden. Und die Älteren sind es auch, die fernsehen. Womit ich nicht sage, dass man nicht um Junge kämpfen soll.

Kämpft dafür, mit Ihrer Sendung vom Sonntagnachmittag ins Hauptabendprogramm zu rücken: Vera Russwurm.

Kämpft dafür, mit Ihrer Sendung vom Sonntagnachmittag ins Hauptabendprogramm zu rücken: Vera Russwurm.

Aber die bilden einen kleinen Teil des Publikums. Die relevante Zielgruppe bei 49 Jahren enden zu lassen, ist Willkür, die mit dem wirklichen Leben nichts zu tun hat.
Russwurm: Überhaupt nichts! Die Jungen ziehen sich bestimmte Sendungen aus dem Internet – oder schauen überhaupt nicht mehr fern. Das ältere Publikum hat mehr Zeit, keine Kinder zu betreuen und ist ans Fernsehen gewöhnt. Das ist das Publikum, auf das sich der ORF derzeit verlassen kann.
Wofür, denken Sie, liebt Ihr Publikum Sie?
Russwurm: Ich denke, man spürt, dass ich mit jedem Gast respektvoll umgehe, mich auf jeden gut vorbereite und ernsthaft auf ihn eingehe. Mich über einen Gast lustig zu machen, entspricht nicht meiner Art. Ich lebe sicher zu einem Teil von dem seriösen Ruf, den ich mir über Jahre erarbeitet habe.
Wie haben Sie damit umzugehen gelernt, dass man als öffentliche Person nie von allen geliebt, sondern von vielen auch regelrecht gehasst wird – und beides von Menschen, die einen nicht persönlich kennen?
Russwurm: Wenn man nicht polarisierte, wäre man nicht so weit oben. Andererseits: Im täglichen Leben spüre ich das nicht, ich werde nicht von mir Unbekannten angefeindet. Wenn mich wer anspricht, dann weil er mich mag.

Vera Russwurm hat 1978 im ORF-Fernsehen als Tritschtratsch-Girl angefangen.

Vera Russwurm hat 1978 im ORF-Fernsehen als Tritschtratsch-Girl angefangen.

Was hat sich für die Leute im Fernsehen geändert, seit Sie 1978 als „Tritschtratsch“-Girl begannen?
Russwurm: Am markantesten ist natürlich, dass die Arbeit durch Handy und Internet deutlich schneller, aber nicht unbedingt einfacher geworden ist.
Was nicht nur für Medienleute gilt.
Russwurm: Ein zweiter Punkt ist, dass Fernsehen deutlich beliebiger geworden ist. Wer damals im Fernsehen war, war sofort etwas Besonderes. Ich bekam etliche Jobs, bei denen ich weder moderieren noch sonst etwas tun musste, sondern bloß für mein Erscheinen bezahlt wurde. „Tritschtratsch“ sahen damals mehr als drei Millionen Zuschauer und das war ganz normal.
Weil es keinerlei Senderkonkurrenz gab.
Russwurm: Nicht einmal Videorecorder. Fernsehen war aufregend, fast magisch. Entzaubert wurden das Fernsehen und die Menschen im Fernsehen erst, als die Videokamera Einzug in die Haushalte hielt und die Leute selbst Fernsehbilder produzierten.
Heute gibt’s harte Senderkonkurrenz. Heiße Diskussionen drehen sich um das Dilemma zwischen öffentlich-rechtlichem Auftrag und dem Zwang zur Quote.
Russwurm: Mein Eindruck ist, dass der ORF mit seiner öffentlich-rechtlichen Machart auf dem längeren Ast sitzt. Wenn man überall nur noch Mist sieht, hat man irgendwann auch das Bedürfnis, etwas Qualitätsvolleres zu sehen.
Ich bezweifle, dass das auf die Masse zutrifft, die die Quote macht.
Russwurm: Ich nicht. Ich glaube fest daran, dass die Schmerzgrenze für Fernseh-Junk irgendwann erreicht ist. Was soll noch kommen? Pornographie im Hauptabendprogramm?
Schlimmer als sexuelle Pornographie finde ich die schamlose Sozialpornographie, mit der das Fernsehen punktet.
Russwurm: Die findet sich auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das stimmt. Die Grenzen sind fließend – aber immerhin gibt es sie. Und damit das so bleibt, muss der ORF gebührenfinanziert und öffentlich-rechtlich bleiben!
Sie lieben Ihren ORF eben doch.
Russwurm: Natürlich!
Können Sie sich ein Leben ohne Fernsehen vorstellen?
Russwurm (lacht): Na ja, Hauptsache man ist gesund!
Geht das etwas präziser?
Russwurm: Als Beruf kann ich mir tatsächlich im Augenblick nichts anderes vorstellen, weil es mich nach wie vor fasziniert. Ich liebe es, Menschen kennen zu lernen und neue Dinge auszuprobieren. Ich liebe es noch viel mehr, Shows vor Publikum zu moderieren. Grundsätzlich vorstellbar ist alles, aber wünschenswert ist für mich derzeit nichts anderes.
Sie werden gern als Vorbild dargestellt: eine langjährige Medienkarriere, eine fast gleich lange Ehe, drei Kinder, ein Medizinstudium. Sehen Sie selbst etwas Vorbildhaftes in Ihrem Leben?
Russwurm: Am ehesten meine Disziplin und meinen Fleiß. Und mein Zeitmanagement. Zeit zu vertrödeln, ist nicht meins. Aber Lebensentwürfe gibt es viele! Ich wollte eben immer Kinder und eine harmonische Partnerschaft. Das schafft man zwar nicht nur aus eigener Kraft, man kann aber viel dazu beitragen, indem man sich um etwas bemüht und nicht gleich aufgibt. Die Dinge fallen einem nicht zu, auch wenn es von außen vielleicht so ausschaut.
Gibt es Momente, in denen Sie sich vom Leben überfordert fühlen?
Russwurm: Manchmal überrollt mich der Stress, dann lehne ich mich zurück und sage mir: Schön, dass
ich eine Arbeit habe. Schön, dass ich drei Kinder und einen tollen Mann habe.
Sie und Ihr Mann sind auch Geschäftspartner. Wie verhindern Sie, dass die Paarbeziehung zur WG verkommt, in der man nur noch die nötigsten organisatorischen Dinge abwickelt?
Russwurm: Als Erstes muss ich dazu sagen, dass mein Mann sehr tolerant ist. Im Gegensatz zu mir. Ohne diese Eigenschaft hätte das nie funktioniert. Was, zweitens, unsere Partnerschaft auch ausmacht, ist, dass wir bis heute unglaublich kindisch miteinander sein können und viel lachen. Und wir freuen uns immer noch aufeinander, wenn wir uns – selten genug! – ein Wochenende zu zweit vornehmen. Im Alltag schaut unser Leben so aus, dass ich meistens abends auf ihn warte.
Als Theaterchef ist er viel abends im Einsatz.
Russwurm: So ist es. Wir versuchen, möglichst zu zweit den Tag zu beschließen. Das ist der Grund dafür, dass ich fast immer zu wenig schlafe. Um 7 Uhr muss ich ja wieder raus.
Womit wir wieder bei der Disziplin sind! Ihre markanteste Eigenschaft?
Russwurm: Ich weiß nicht, ich bin halt Skorpion. Gibt’s hier irgendwo ein Zuckerpackerl, anhand dessen wir die Eigenschaften abarbeiten könnten?
Mit Sternzeichen wäre ich Ihnen jetzt nicht gekommen.
Russwurm: Aber ich bin tatsächlich ein typischer Skorpion. Treu. . .
Eifersüchtig?
Russwurm: Das auch! Rachsüchtig, nachtragend, ich merke mir – im Guten und im Schlechten – alles.
Was das Leben nicht einfacher macht – u. a. für einen selbst.
Russwurm: Man soll sich mit positiver Energie umgeben, ich weiß! Und ich bemühe mich darum. Es
gelingt halt nicht immer.

Zur Person: Geboren am 7. 11. 1959 in Wien; drei Töchter; verheiratet mit Metropol-Chef Peter Hofbauer, mit dem zusammen sie eine TV-Produktionsfirma betreibt.
Karrierebeginn als „Tritschtratsch“-Girl 1978; erste Moderationsaufgabe beim Jugendmagazin Okay. Zahlreiche Hauptabendshows (u. a. „Hallo Fernsehen“, „Familienfest“, „Duell“). 1995 - 2005 Talkshow „Vera“; seit 2007 „Vera exklusiv“; mehrfach ausgezeichnet.